Wildpflanzen und Resilienz

von wildkraeuterkoechin
Biegsame Weiden an der Isar bei München

Von biegsamen Weiden, feinen Fallschirmen und Täuschungsmanövern.

Meine Yogalehrerin erzählt zu Beginn ihrer Stunden gerne Gleichnisse und Geschichten aus der indischen Mythologie. Eine dieser Geschichten handelt vom Ursprung des Ganges und wie er bei Schneeschmelze vom kleinen Fluss zum reißenden Strom wird. Auf seinem Weg ins Tag entwickelt er eine enorme Wucht, knickt ganze Bäume um und reißt sie mit sich. Die Weiden jedoch mag er zwar zu biegen, aber sobald die große Welle vorbei ist, richten sie sich wieder auf und wachsen ungestört weiter.

Flexibilität ist mal ein Anfang

Ich mag diese Geschichte. Die eigene körperliche (und geistige) Beweglichkeit zu trainieren, um – wie eine biegsame Weide – flexibel auf die unterschiedlichsten Herausforderungen reagieren zu können, das macht Sinn. Und da sich besonders Wildpflanzen dadurch auszeichnen, dass sie auch unter sehr unwirtlichen Bedingungen weiterwachsen, frage ich mich, was sie sonst noch in Sachen Widerstandsfähigkeit und Resilienz zu bieten haben. Denn die können wir immer brauchen, in diesem Jahr aber besonders.

Laut Wikipedia ist „Resilienz (von lateinisch resilire ‚zurückspringen‘ ‚abprallen‘) oder psychische Widerstandsfähigkeit die Fähigkeit, Krisen zu bewältigen und sie durch Rückgriff auf persönliche und sozial vermittelte Ressourcen als Anlass für Entwicklungen zu nutzen. … In der Medizin bezeichnet Resilienz auch die Aufrechterhaltung bzw. rasche Wiederherstellung der psychischen Gesundheit während oder nach stressvollen Lebensumständen. …“

Löwenzahn
Kaum eine Ritze im Asphalt, die vor dem Löwenzahn sicher ist.

Wildpflanzen haben dafür ihre vielfältigen sekundären Inhaltsstoffe, die den Pflanzen beim Überleben helfen und sie unter anderem vor Fraßfeinden, Hitze, Kälte, Pilzen und Bakterien schützen. Diese Inhaltsstoffe können auch unser Immunsystem stärken und unsere körperliche und seelische Gesundheit unterstützen, wenn wir sie mit der täglichen Nahrung aufnehmen oder phytotherapeutisch nutzen. Doch auch losgelöst von diesen wissenschaftlich belegten Wirkungen muss es doch so einiges geben. Also mache ich mich auf, mir beim täglichen Spaziergang die Tricks und Tipps der Natur für mehr Widerstandsfähigkeit in den wilden Zeiten des Lebens anzuschauen. Und mir begegnet so einiges.

Weiterfliegen oder Wurzeln schlagen?

Gleich vor der Haustür entdecke ich den Giersch. Seit einigen Tagen schon ernte ich hier zarte Triebe, und jedes Mal scheint der nächste gleich hinterher zu schieben – vor lauter Freude, endlich Platz zu haben. Ob Vermehrung in dieser Hochgeschwindigkeit wohl eine gute Strategie ist? Auch der Löwenzahn bahnt sich gerade ziemlich kräftig seinen Weg. Kaum eine Ritze im Asphalt, die vor ihm sicher scheint. Und manch gut gedüngte Wiese scheint dank seiner Blüten mehr goldgelb als grün. In wenigen Tagen wandelt er sich dann zur Pusteblume und übergibt seine Samen dem Wind, damit er die nächsten Flächen besiedeln kann. Funktioniert für ihn ziemlich gut, hätte aber für mich als Strategie dann doch den Beigeschmack „vom Winde verweht“ zu sein oder gar das „Fähnchen nach dem Wind zu richten“. Hinzu kommt, dass Fallschirmspringen auch in normalen Zeiten nicht so mein Ding ist.

Pusteblume
Ein Windhauch, und die Pusteblume schickt tausende kleiner Samen an Fallschirmen in die Welt.

Als nächster auf meinem Weg begegnet mir der Gundermann. Erdnah aber schier unaufhaltsam breitet er sich aus und schlägt überall Wurzeln, wo die Knoten seiner Ausläufer weiche Erde berühren. „Wherever I lay my head, is my home“ (=“Wo immer ich meinen Kopf hinlege, ist mein Zuhause“) – diese Liedzeile von Paul Young fällt mir dazu ein. Ob das nun der richtige Weg zu mehr Widerstandsfähigkeit ist? Die wilde Brombeere macht das mit den Wurzeln ja ähnlich. Und dank ihrer unangenehmen Dornen hält sie mich auch meist auf freiwilligem Abstand. Weniger Kontakt macht mich persönlich aber eher mürbe, nicht resilient.

Apropos Abstand, den braucht man derzeit ja auch. Spezialistin sollte hier meines Erachtens die Brennnessel sein. Mit ihren feinen Brennhaaren schützt sie sich supererfolgreich vor vielfältigen Fraßfeinden. Und dass, obwohl ihre Inhaltsstoffe es schon fast wert wären, sich den Mund zu verbrennen. Aber eine Distanz von fast zwei Metern? Nein, die schafft sie trotzdem nicht. Braucht sie ja auch nicht – ihr reicht es vollkommen, nicht gefressen zu werden. Noch leichter macht es sich die Taubnessel. Die täuscht nämlich nur vor, so brennhaarig zu sein wie ihre Namensvetterin.

Naschen, sinnieren und Frischluft tanken

Während ich die Natur um mich herum aufsauge, stelle ich mal wieder fest, dass allen meinen wildpflanzlichen Begegnungen die Farbe Grün gemeinsam ist. Grün –  die Farbe der Ruhe, die Farbe der Hoffnung. Die Farbe, die unsere Augen beruhigt und uns vertrauen gibt. Das ist ganz wissenschaftlich erwiesen, definitiv kein Hokuspokus. Und so spaziere ich weiter, versenke den Blick in leuchtende Blüten, sinniere über die Eigenarten der Wildkräuter und bestimme schnell noch ein mir unbekanntes Gewächs. Parallel nasche ich hier ein bisschen vom Wiesenschaumkraut, dort von den Bärlauchblüten und eine Ecke weiter gibt’s zum Dessert noch ein zartes Lindenblatt.

Am Ende meiner Runde, bewegt und gut gelüftet zurück am Schreibtisch, stelle ich fest, dass ich mit viel mehr Energie und deutlich besserer Laune weiterarbeiten kann. Und dass ich (mal wieder) gefunden habe, was mir die Natur und besonders die essbaren Wildpflanzen in Sachen Resilienz so schenken: Eine Welt, in die ich komplett eintauchen, in der ich auftanken und mich erholen kann. Probiert es doch selbst mal aus. Welch ein Glück, dass Frühling ist.

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